Das Puppenhaus der Sara Ploos van Amstel-Rothé (um 1750)

Im Goldefledersaal des Haarlener Frans Halsmuseums steht eines der schönsten Puppenhäuser des Landes. Es erfreut sich beim Publikum großer Beliebtheit und kann im Hinblick auf Detailreichtum und Qualität mit den anderen erhaltenen Puppenhäusern wetteifern, die sich im Amsterdamer Rijksmuseum, im Utrechter Centraal Museum und im Haager Gemeentemuseum befinden. Letzteres wurde in ein Nußbaumkabinett eingebaut und von derselben Frau eingerichtet, die auch das Exemplar im Frans Halsmuseum schuf: Sara Rothé.

Sara Rothé (1699-1751) war die Ehefrau des wohlhabenden Amsterdamer Kaufmann Jacob Ploos van Amstel (1695-1760). Die Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar wohnte in der Keizersgracht und hatte ein Landhaus an der Spaarne bei Haarlem. Ein tragischer Verkehrsunfall beendete Saras Leben. Sie hatte sich mit der Kutsche auf den Weg nach Amsterdam gemacht, um ihren Mann auf halben Wege entgegenzukommen und mit ihm gemeinsam nach Haarlem zurückzukehren, als die Pferde durchgingen und die Kutsche in den Kanal stürzte. Da Sara recht korpulent war, konnte sie sich nicht aus der Kutsche befreien und ertrank jämmerlich

Ihre beiden Puppenhäuser sind aus verschiedenen Linien der Familie Ploos van Amstel in museales Eigentum übergegangen. Das Haarlemer Kabinett befand sich erst über hundert Jahre im Besitz der Familie Blaauw, bis es im Jahre 1939 aus einem Gooischen Nachlaß von dem berühmten Kunsthändler Jacques Goudstikker erworben wurde, der es in seinem Schloß Nijenroden aufstellte. Er starb bald darauf an den Folgen eines Schiffsunglücks in Southampton - die Goudstikkers waren im Mai 1940 vor der deutschen Invasion geflohen. Durch den deutschen Verwalter Alois Miedl gelangte das Puppenhaus in den Besitz der Familie Rienstra van Stuyvesande. 1958 wurde das Frans Halsmuseum der neue, stolze Besitzer des kostbaren Stückes.

Sara hatte genug Zeit und Geld für ihre kostspielige Liebhaberei: den Entwurf für den Bau, die Zusammenstellung und Einrichtung zweier großer Puppenhäuser, die mit ihrer Einzigartigkeit und ihrem Detailreichtum zu den Prunkstücken des niederländischen Kunstgewerbes aus dem 18. Jahrhundert werden sollten.

Das Haarlemer Exemplar besteht aus einem rechteckigen, schwarzbemalten Eichenholzschrank, der Doppeltüren hat, die als Staub- und Lichtschutz dienen. Das Kabinett steht auf sechs schweren Balusterbeinen und war mit einer seltenen mechanischen Vorrichtung ausgestattet, die leider nicht mehr funktioniert. Sie bestand aus Rädern, Stricke, Flaschenzug und Kurbeln und diente dazu, die vier Etagen emporsteigen zu lassen. So bekam der Zuschauer, ohne sich zu bücken, Einblick in die untersten Gemächer (Küche, Keller und Esszimmer), die sonst im Schrankunterteil verborgen blieben. Mit Hilfe dieser Hebevorrichtung konnte auch die beleibte Sara Rothé selbst das Untergeschoss ihrer Miniaturwelt bequem bewundern.

Wenn die Schöpferin ihr Werk Freunden und Gästen des Hauses vorführte, wurden zuerst die Außentüren geöffnet. Sie waren an der Innenseite mit allegorischen Darstellungen der Künste und der Musen bemalt. Die nächste Überraschung stellte die Vorderfront dar, di fünf Fenster breit war und ebenfalls aufgeklappt wurde. Der Flaschenzugmechanismus dürfte die Krönung dieser spektakulären häuslichen Szene gewesen sein.

Hinter den Doppeltüren kamen zwölf Räume zum Vorschein-vom Dachboden über den Flur bis zur Vorratskammer und Wöchnerinnenstube. Ob es sich bei dem Puppenhaus um eine Wiedergabe von Saras eigenem Wohnhaus handelte, ist nicht bekannt. In Saras Haus an der Keizersgracht lagen die Räume jedenfalls hintereinander. Das Puppenhaus idealisiert die reale Wohnsituation, um dem Zuschauer möglichst viel bieten zu können. Das prächtige Miniaturinterieur, das etwa tausend Stücke umfasst, steht aber durchaus Modell für das Mobiliar einer wohlhabenden Amsterdamer Kaufmannsfamilie.

Da auch die Bücher, in denen sich Sara jede Kleinigkeit notierte, erhalten geblieben sind, kennen wir alle Einzelheiten vom Kauf, von den Lieferanten und Preisen der verschiedenen Stücke.

Viele intellektuelle und finanzkräftige Sammler der Amsterdamer Szene besaßen Raritäten-, Mineralien-, Münz- oder Kunstkabinette. Uns sind viele Zeugnisse überliefert, in denen Besucher und Touristen mit Erstaunen oder Bewunderung davon berichten, wie diese Sammler voller Kunstverstand, Bildung und Besitzerstolz mit ihren Schätzen prahlten.

So prunkt auch das Frans Halsmuseum mit dem Puppenhaus von Sara Rothé. Möge es auch in Zukunft so bleiben.

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